Erinnerungen an Josef Fischler

von Yannin Espinoza-Zwischenberger

bei der Tagung „visionen.leben.2012 - Josef Fischler“

am Freitag, 26. Oktober 2012 in der LLA Rotholz

(leicht veränderte und gekürzte Transkription)

 

Ein Freund...

Josef ist für uns etwas Besonderes: er war ein Freund, manchmal hat er uns ein bisschen geärgert mit seiner „Schadenfreude“ über die Schmerzen von Anderen ein bisschen zu lachen. Aber jeder hat dann verstanden, dass es seine Art war Auflockerung zu schaffen. Und er hatte diese Achtsamkeit, mit den Menschen umzugehen, und jedem Einzelnen das Gefühl zu geben, als ob er der wichtigste Mensch auf der Welt wäre. Das ist für mich eine besondere Erfahrung.

Vernetzungsarbeit

Wieso ist Josef so besonders? Er hat nicht nur mit den Jugendlichen in Ecuador gearbeitet, sondern er hat es auch verstanden, sich mit allen Organisationen, allen Altersgruppen und Menschen in jeder Lebensphase zu vernetzen. Er wusste genau, wohin er gehen musste oder wollte. Deswegen hat er, sobald er in Ecuador war, auch gewusst, wo er hingehen sollte. Damals war ich in einer anderen Organisation, in der Bewegung für Befreiungstheologie und aktive Gewaltfreiheit (yusticia et pax). Und auf einmal war ein großer Mann an unsrer Tür, in unserer christlichen Wohngemeinschaft in der Pfarre „Cristo Liberador“ in Guayaquil. Er hat wohl mit unserem Pfarrer José Gómez Izquierdo (Theologe und Gründer der gewaltfreien Bewegung in Ecuador) telefoniert, aber wir haben nicht gewusst, wer er war. Und da war er vor der Tür mit seinem großen Lachen. Für uns war er relativ groß, denn wir in Ecuador - besonders die Indigenen - sind eher kleine Menschen. Aber es ist interessant, dass er sich gleich einen Poncho geschnappt hat. Und das hat diese Größe ein bisschen niedriger gemacht. Denn vom Herzen her kam er immer näher zu uns, er hat so quasi zu uns gehört.

Überraschende Geburtstagsfeier

Noch dazu haben Alexander und ich uns über Josef kennen gelernt. Einmal kam Josef mit Alexander und einem anderen Josef zu uns. Sie kamen von Valdivia von einem Evaluierungsseminar und sind um zwei Uhr Nachmittag zu uns gekommen, ohne sich anzumelden, auch eine ecuadorianische Art, um einen Geburtstag zu feiern. Sie haben einige Stunden bei uns verbracht, und wir haben alle Caipirinha getrunken. Sie sind dann bis Mitternacht geblieben und haben dann einen Bus weiter nach Quito genommen.

…eine andere Art von Revolution

Josef hat immer vernetzt und hat Seminare über Gewaltfreiheit mitorganisiert, bei denen verschiedene Institutionen zusammengekommen sind, um darüber zu diskutieren. Das war die andere Seite von Josef, die wir von Josef kennen. Diese andere Art von Revolution. Er wusste genau, dass die Veränderungen nicht durch Gewalt zu schaffen sind. Das hat er ganz klar gehabt. Dies war für ihn ganz wichtig, dass darüber gesprochen und diskutiert wird. Ich habe mir auch gedacht, dass diese Werte Frieden, Gerechtigkeit, Toleranz, Mut, und vor allem die Liebe zu den Menschen, die größten Erfahrungen sind, die wir mit Josef gemacht haben.

Für unser Zusammensein waren kleine Sachen wichtig, wie es schon erwähnt wurde, zum Beispiel wie die Reflexzonenmassage. Es war einmal ein Anruf aus Österreich: ich brauche für Österreich einen Film/Sketch, den Jugendliche machen sollen oder irgendwas improvisieren sollen. Es gab da in Österreich eine Sendung über Gewalt in Lateinamerika. Da haben wir etwas organisiert, dass Josef die Möglichkeit hatte, mit den Fotografen und Kameraleuten aus Österreich zu den Gebieten zu gehen, wo Gewalt stattfindet, damit ein Film gedreht werden konnte.

Ein „kleiner“ Spaziergang über zwei Stunden

Josef war sicherlich einer, der eine Menge improvisiert hat, im Sinne von „das können wir auch morgen machen“. Er hat gewusst, wo sein Ziel war. Für mich ist das mit der Gemeinschaft wichtig. Er hat seine einsamen Momente gehabt, das kennen wir auch, z.B. die kleinen Gespräche auf der Terrasse in „Las Casas“ oben oder die kleinen Gespräche in unserer kleinen Gruppe in Guayaquil beim Kaffeetrinken und frühstücken oder am Abend bei unseren Gebetszeiten, oder das Teilen eines Fußballspieles, wo er natürlich wieder „der Große“ war. Er hat immer den Ball erwischt, denn er hat laufen können, er hat den Ball schadenfroh allen weggenommen. Die Kinder sind hinter ihm hergelaufen wie Verrückte, aber er hat nur gelacht und gelacht. Oder ein Tanz mit ihm. Das war lustig, den Josef tanzen zu sehen. Ich glaube er hat nicht getanzt, er ist gesprungen. Oder ein Spaziergang. Was war ein Spaziergang in Quito für Josef, um Gottes willen? „Gemma zu Fuß!“ Einen Bus wollten wir nehmen vom Zentrum von Quito nach oben auf den Berg. „Nein, es ist nicht so weit, es ist nur ein Spaziergang“, meinte Josef. Und nach ein oder zwei Stunden waren wir noch immer unterwegs, und wir waren fix und fertig danach. Er hat uns wirklich zum Gehen gebracht, wir von der Küste lernten, oben auf den Berg zu gehen. Josef hat auch verstanden, seine Freizeit zu gestalten, zum Beispiel am Sonntag einfach in den Wald zu gehen. Und das haben wir manchmal in kleinen Gruppen nach einem Seminar gemacht, wir haben ab und zu einen Spaziergang in den Wald genossen. Sehr interessante Erfahrungen für uns.

Besuch von Jean Goss

Dieser tiefe Respekt den armen Menschen, den Kleinen gegenüber, das ist es, was wir an ihm bewundert haben, und dass er uns nie das Gefühl gegeben hat, ein Besserwisser zu sein. Er hat wirklich viel gewusst, das haben wir gleich verstanden. Einmal hat er angefangen, mit uns französisch zu sprechen, als uns ein Franzose (Jean Goss) besucht hat. Da haben wir gewusst, dass er auch französisch konnte, weil er mit ihm gesprochen hat. Jean Goss hat bei uns ein Seminar über Gewaltfreiheit gegeben. Und das hat uns bewegt, nicht diese französische Sprache, sondern dieses Zusammensein mit den Leuten, die Leute ernst zu nehmen, egal welche Probleme sie hatten.

Ein Ohr für die Jugendlichen

Die Jugendlichen sind mit verschiedenen Problemen zu Josef gekommen, ob es heute die Politik war, ob die Menschen heute zu essen haben, oder ob die Preise der Busse gestiegen waren. Es sind viele Probleme vom normalen alltäglichen Leben gekommen, ja Liebesprobleme, Beziehungsprobleme zwischen den Jugendlichen usw. Und für jeden hatte er ein Wort, eine große Dimension. Aber er konnte auch zornig werden, wenn jemand rassistische Äußerungen oder Verhalten hatte. Und ich glaube, er hatte die Vision, was für uns alle die Hoffnung ist, dass sich nicht nur die Jugendlichen, sondern die ganze Gesellschaft selber organisiert und nicht zuschaut, was passiert. Wir sollten selber die Zukunft in die Hand nehmen, und damit in der Lage sein, wichtige Veränderungen und eine bessere Welt zu schaffen. Und das ist für mich das Wichtigste. Übrigens muss ich noch den Spitznamen von Josef in Ecuador verraten. Josef war „Moses“. Die Kinder und Jugendliche haben ihn wegen seines Aussehen so genannt, da er eine Weile einen Bart hatte.

„Vertrauen auf Gott“

Darüber hinaus ist Josef für mich ein Freund gewesen. Vier Tage vor seinem Tod hat er mich angerufen, ich soll eine Unterkunft für ein Treffen mit Jugendlichen suchen. Da hab ich ihm eine Adresse gegeben, sie sind wohl dorthin gekommen, aber anscheinend hat ihnen irgendetwas nicht gefallen. Sie sind bis Montag dort gewesen, dann sind sie woanders hin gegangen. Und das letzte, was wir geredet haben, waren seine Worte über irgendetwas, und da hat er zu mir gesagt: „Hab immer Vertrauen auf Gott!“ Und das hab ich nicht vergessen, obwohl ich am Anfang zornig mit ihm war, als ich erfahren habe, dass er die Unterkunft gewechselt hat. Ich habe gedacht, wenn er dort geblieben wäre, wo ich ihm gesagt habe, dann wäre das vielleicht nicht passiert. Ich war natürlich zornig am Anfang vor lauter Traurigkeit. Aber seine Worte begleiten mich, Vertrauen auf Gott zu haben. Und Brigitte (Maier) hat gesagt: „Ich habe den Geist von Josef überall gespürt.“ Und ich glaube, das ist eine sehr wichtige Aussage. Der Geist von Josef ist überall. Wenn ich meine Familie betrachte, denke ich mir, Josef ist unter uns. Er hat uns zusammen gebracht.

…dass Visionen Wirklichkeit werden

Vielleicht passiert in Ecuador ein bisschen mehr von seinen Visionen. Es gibt sicher ein paar Menschen, die nach seinen Prinzipien leben, Leute, die das weiter machen. Josef hat uns nichts Neues gebracht, wenn man das betrachtet. Das sind Sachen, in Gemeinschaft zusammen zu leben, für die Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen, das war alles schon dort. Es wurde nur innovativ wieder gebracht, innovativ wieder ein Impuls gegeben, was durch diesen tiefen Glauben passiert ist, den wir haben und den er gut vertreten konnte. Er konnte alles mit Freude und Leidenschaft weitergeben. Und das ist sicher dort geblieben, und vielleicht können wir dafür sorgen, dass es intensiver wird. Dadurch sind die Visionen immer noch da und werden immer da sein, und wir haben die Verantwortung, ob sie eine Wirklichkeit werden.

 

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